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Tagung: Ludwig XIV.: Vorbild und Feindbild

 

Organisiert von PD Dr. Isabelle Deflers, Historisches Seminar, Prof. Dr. Ronald G. Asch, SFB 948 und Dr. Christian Kühner, Historisches Seminar.

 

Neu! Tagungsbericht bei H/Soz/Kult

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 (Tagungsprogramm als PDF-Download )

 
Am 1. September 2015 jährt sich zum 300. Mal der Tod des französischen Königs Ludwig XIV. (1638-1715). Mit keinem anderen Monarchen der Frühen Neuzeit – außer vielleicht Friedrich II. von Preußen (1712-1786) – verbinden sich ähnlich viele Debatten und Forschungstraditionen. Kaum ein Fürst wurde zu Lebzeiten zumindest im eigenen Land so verherrlicht wie Ludwig XIV. Als roi de guerre, als neuer Alexander oder als Sieger über die Häresie stand er im Mittelpunkt der Werke der Hofkultur, seine Aura wirkte aber auch deutlich über Frankreich hinaus.
 
 
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Der ludovizianische Herrscherkult steht einerseits in einer längeren Tradition, erhält aber seine spezifischen Züge auch dadurch, dass Ludwig XIV. nun selber zum Maßstab für Größe wurde. Die Götter und Heroen der Antike illustrierten zwar diese Größe, waren aber keine Vorbilder mehr, wie noch im 16. Jahrhundert oder bei Ludwigs unmittelbaren Vorgängern.[1] Der corps mystique des Königtums ging ganz im Körper des lebenden Königs auf.[2]
Zugleich aber erzeugte dieser Kult des Ruhmes eine entsprechende Kritik, die bei den Hugenotten, aber auch den außenpolitischen Gegnern des Königs besonders stark greifbar wurde. Schon für die Zeitgenossen, wie für den Autor der Soupirs de la France esclave von 1689, stellte sich die Frage, wie eine solche Verehrung für den Herrscher von Seiten seiner Untertanen möglich war. Wie erklärt sich die fast blinde Bewunderung, die Ludwig XIV. zumindest im eigenen Land lange entgegengebracht wurde, und was stand hinter dem schon von Zeitgenossen konstatierten Bedürfnis, einen einzelnen Herrscher so durchgehend zu heroisieren, weit über das konventionell Übliche hinaus.
 
Diesen Blick auf den französischen Monarchen wollen wir auf die Rezeption der höfischen Heroisierungsstrategien ausweiten und den Modellcharakter, der ihnen sowie der Herrschaft des Sonnenkönigs insgesamt oft zugesprochen wird, näher untersuchen. Indem der „Sonnenkönig“ die Strukturen der dem Anspruch nach absoluten barocken Monarchie prägte, wurde er, so wird weithin angenommen, zum Vorbild für viele europäischen Monarchen, die sich an Versailles orientierten, um ihre eigene Machtposition zu stärken. Seine Macht inszenierte Ludwig XIV. mit großem Erfolg und bediente sich dabei des gesamten Instrumentariums der schönen Künste. Auch das Bild des heroischen Kriegers, das er namentlich in den ersten Jahrzehnten seiner Regierung kultivierte, verbreitete sich über ganz Europa und verlieh ihm zeitweise die Aura der Unbesiegbarkeit.
 
LudwigXIV2.1Dennoch wird in der Forschung die Vorbildfunktion der absoluten Monarchie   Ludwigs XIV. bereits seit längerem in Frage gestellt: Daniel Dessert hat 1984   mit seiner Studie über das Finanzsystem der absoluten Monarchie eine neue Epoche der Wirtschafts- und Finanzgeschichte des Ancien Régime eingeläutet.[3] Zahlreiche weitere Studien folgten dem von ihm inspirierten Weg und zuletzt haben Katia Beguin[4] und Guy Rowlands[5] die tönernen Füße der Finanzen des ludovizianischen „Absolutismus“ weiter freigelegt. Die These, der Hof des Königs sei vor allem ein Instrument zur Zähmung des Adels gewesen, ist schon lange auf Kritik gestoßen und durch Leonhard Horowski jüngst besonders nachhaltig relativiert worden.[6] Erfolg mag der König noch am ehesten bei seinem Versuch gehabt haben, die cours souveraines in ihre Schranken zu verweisen, allerdings brach er das Selbstbewusstsein der noblesse de robe ebenso wenig wie er das System der Ämterkäuflichkeit einzuschränken vermochte. In seinen späteren Regierungsjahren wurde es sogar aus finanziellen Gründen eher noch ausgeweitet.
 
Aber auch dort, wo die Erfolge der Herrschaft Ludwigs XIV. nicht zu bestreiten sind, etwa beim Aufbau einer schlagkräftigen Armee – der größten ihrer Epoche – muss gefragt werden, ob sich anderen Monarchen wirklich am Vorbild Frankreichs orientierten. Die größeren Reichsfürsten dürften sich am ehesten die französische Hofkultur zum Vorbild genommen haben, auch wenn neuere Studien auch diesen Befund jüngst relativiert haben.[7] Andererseits stellt sich die Frage, ob andere europäische Fürsten nicht doch eher eigene Wege beschritten, um ihre Herrschaft zu stabilisieren; so wie es bei den Habsburgern in Wien offenkundig ist.
 
 
Das Frankreich Ludwigs XIV. scheint daher nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt als Modell des europäischen „Absolutismus“ zu taugen, sondern eher als ein Beispiel für die Grenzen von staatlicher Machtentfaltung in der Frühen Neuzeit. Die höfischen Heroisierungsstrategien erscheinen daher eher als Versuche, die realen Schwächen der Monarchie zu überdecken. Und selbst auf dem Gebiet der bloßen Selbstdarstellung war der Hof genötigt, sich in den letzten Regierungsjahrzehnten stärker mit der Kritik an der im Ausland oft als hypertroph empfundenen Glorifizierung des Herrschers auseinanderzusetzen, wie Hendrik Ziegler gezeigt hat.[8] Der Ton wurde vorsichtiger, weniger triumphalistisch und griff auch wieder stärker auf traditionelle Formen der religiösen bzw. konfessionellen Legitimation zurück.
 
Es stellen sich daher an diesem Punkt zwei Leitfragen, denen die Tagung nachgehen möchte. Zum einen ist zu fragen, inwieweit Ludwig XIV. und das von ihm regierte Frankreich für die Zeitgenossen, insbesondere in Deutschland, als nachahmenswertes Modell galten – und zwar unabhängig von der Frage, ob man nun selbst mit ihm verbündet war oder von ihm als einem erfolgreichen Gegner lernen wollte.
 
Das führt zur zweiten Leitfrage, nämlich derjenigen, für wen unter denZeitgenossen Ludwig XIV. bewundertes Vorbild und für wen bekämpftes Feindbild war? Für wen war er heroisches Exemplum und für wen eher ein klassischer Anti-Held oder ein bedrohlicher Gegner dem das Charisma des Heroischen bewusst abgesprochen wurde?
 
Dabei sind die verschiedenen Konstellationen, die sich aus der Kombination dieser zwei Problemstellungen ergeben, in den Begriff zu nehmen: Ludwig XIV. als Verkörperung der Despotie, als tyrannischer Herrscher eines freiheitsfeindlichen Systems, das man bekämpfte; Ludwig XIV. als Gegner, der aber nachahmenswerte, weil effiziente Herrschaftsmethoden pflegte; Ludwig XIV. als Verbündeter, an dessen politischen, religiösen und kulturellen Vorstellungen man sich aber nicht unbedingt orientieren mochte; und schließlich Ludwig XIV. als Verbündeter und uneingeschränktes Vorbild. Welche dieser Positionen wurden empirisch eingenommen und von wem? Diesen Fragen wird sich die interdisziplinäre und internationale Tagung widmen und dazu sind Sie herzlich eingeladen!


[1] „Divinités et héros ne sont là que pour orner les hauts faits du règne. Ils n’en sont plus les modèles“, in: Olivier Chaline, Le règne de Louis XIV, Paris 2005, S. 229; Gérard Sabatier, Versailles ou la figure du roi, Paris 1999, S. 560.
[2] Joël Cornette, Figures politiques du Grand Siècle. Roi-état ou état-roi ?, in: Ders., La Monarchie entre Renaissance et Révolution, 1515–1792, Paris 2000, S. 229-35; Pierre Zoberman, Les panégyriques du roi prononcés dans l'Académie française, Paris 1991; Peter Burke, The Fabrication of Louis XIV, New Haven/Conn. 1992, S. 61-106, sowie für das Bild des Königs als militärischer Anführer Joël Cornette, Le roi de guerre. Essai sur la souveraineté dans la France du Grand Siècle, Paris 2000, S. 231-48. Zum Bild des Königs siehe. auch Louis Marin, The Portrait of the King, London 1988, und Jean-Marie Apostolidès, Le Roi-machine. Spectacle et politique au temps de Louis XIV, Paris 1981.
[3] Daniel Dessert, Argent, pouvoir et société au Grand Siècle, Paris 1984.
[4] Katia Beguin, Financer la guerre au XVIIe siècle. La dette publique et les rentiers de l’absolutisme, Seyssel 2012.
[5] Guy Rowlands, The Financial Decline of a Great Power. War, Influence, and Money in Louis XIV’s France, Oxford 2012.
[6] Leonhard Horowski, Die Belagerung des Thrones. Machtstrukturen und Karrieremechanismen am Hof von Frankreich 1661-1789, Sigmaringen 2012.
[7] So z.B. Eva-Bettina Krems für das München der Wittelsbacher, Die Wittelsbacher und Europa: Kulturtransfer am frühneuzeitlichen Hof, Wien/Köln/Weimar 2012.
[8] Hendrik Ziegler, Der Sonnenkönig und seine Feinde: die Bildpropaganda Ludwigs XIV. in der Kritik, Petersberg 2010.
  
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